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Der Tod ist nicht das letzte Wort - Erinnerungen an Auschwitz

Aktualisiert: 19. März 2019


11. März 2019 gegen 16.00 Uhr im Seminarraum eines Hotels in Krakau. Die Schülerinnen und Schüler des Albert-Schweitzer-Gymnasiums in Ruhla haben in den Tagen zuvor sehr viel über das jüdische Leben in der polnischen Stadt Oswiecim gelernt. Wir besichtigten eine Synagoge, wurden an die Riten und das Leben der ehemals blühenden jüdischen Gemeinde herangeführt. Dieses Leben endete abrupt, als die Stadt nicht mehr Oswiecim, sondern Auschwitz genannt wurde.

Vieles erinnert hier an die Zeit des Nationalsozialismus, an die Zeit des sog. Generalgouvernements, in welchem als östlicher Vorposten des Deutschen Reiches viele Städte zu trauriger Berühmtheit gelangten. Belzec, Treblinka, Majdanek, Chelmno, Sobibor, Auschwitz – um nur einige zu nennen. Die „Endlösung der Judenfrage“ wurde hier rassenideologisch und technokratisch vorangetrieben.

Den Seminarraum im Hotel „Wyspianski“ betrat eine alte, weißhaarige Frau. Wir standen auf und begrüßten Lidia Maksymowicz mit einem kollektiven „dobry dzien“. Sie antwortete uns mit einem freundlichen „Guten Tag und herzlich willkommen“. Die Atmosphäre im Raum war angespannt. Unsere Gruppe, die im Stammlager Auschwitz und im Außenlager Birkenau wenige Stunden zuvor in den Abgrund der Menschheit geblickt haben, stand jetzt einer Zeitzeugin – einer Überlebenden gegenüber. Eine eigenartige Situation, auf die keiner emotional vorbereitet war.

Unsere vorgeschalteten Projekttage beschäftigten sich mit der Deutsch-Polnischen Geschichte im historischen Längsschnitt. Zusätzlich ermöglichte uns das Polenmobil vom Deutsch-Polnischen Institut Einblicke in unser Nachbarland, welches die wenigsten bisher bereist hatten. Zuvor sensibilisierte uns Bärbel Schäfer durch eine Lesung aus ihrem Buch „Meine Nachmittage mit Eva“ für das Thema Holocaust. Wie damit umgehen? Müssen wir uns heute noch schuldig fühlen? Müssen wir mehr Verantwortung übernehmen? Woher kommt der neue Antisemitismus in Deutschland? – Diese und ähnliche Fragen schossen vielen durch den Kopf. Und letztlich fragte sich jeder: Wie ist meine eigene Position zu diesem Thema?

Frau Lidia, wie Lidia Maksymowicz liebevoll von unserer Reiseleiterin genannt wurde, begann ihre Erzählung mit Einblicken in den Lageralltag. Sie beschrieb das Eingangstor, die Selektion an der Rampe, sie beschrieb den letzten Blick auf ihre Großeltern, sie beschrieb die Struktur des Lagers und die menschenverachtenden Bedingungen im Lager Auschwitz-Birkenau. Ihre Erzählung war für uns wie das Aneinanderfügen von Puzzlesteinen. Zum optischen Eindruck, den wir bereits gewannen, fügte sie Worte hinzu. Diese waren nicht die Worte einer gebrochenen Frau, sondern die Worte einer Frau, die wieder aufgestanden ist, die sich ihren Lebensmut zurück erkämpfte. Es waren die Worte einer Frau, die den Tod in jeglicher Form miterlebt und das „Tor zur Hölle“ – wie es der sowjetische Soldat Zinovii Tolkatschev bezeichnete - aber trotzdem überlebt hat.

Frau Lidia wurde aus der Ukraine 1943 nach Auschwitz deportiert. Ihre Großeltern sah sie ein letztes Mal an der Rampe von Auschwitz. Sie selbst wurde als Kind von ihrer Mutter in der sogenannten Saunaanlage gewaltsam getrennt. Die kleine Lidia landete im Kinderlager, während die Mutter im Frauenlager inhaftiert wurde. Lidia Maksymovicz beschrieb in allen Einzelheiten die Zustände im Lager. Der Tod war allgegenwärtig. Abstumpfung und Entsolidarisierung bestimmten das Lagerleben. Jeder war sich selbst der Nächste. Längst verlorengeglaubte Überlebensinstinkte machten sich bemerkbar. Doch eines blieb ihr bis heute in Erinnerung. Es ist die Zahl 70072. Diese wurde ihr sofort nach der Ankunft in Auschwitz-Birkenau in den Unterarm tätowiert. Der Vorgang der Tätowierung machte aus der kleinen Lidia eine Nummer. Und so gestaltete sich für sie das Lagerleben. Es ging nicht um das Individuum, es ging nicht um persönliche Vorlieben und Stärken. Es ging ab jetzt nur noch darum, dass 70072 im Lager überlebte.

Schnell lernte sie von den anderen Kindern. Einige Deutsche Begriffe waren überlebensnotwendig, um den Appell ohne Prügelstrafe zu überleben. „Nimm dich in acht vor den Männern in den weißen Kitteln“ – sagten die anderen. Dr. Josef Mengele suchte sich die Kinder für seine pseudomedizinischen Experimente persönlich aus. Heute ein Stück Schokolade und morgen die Giftspritze. Das war die Logik hinter den Männern mit den weißen Kitteln.

Lidia berichtete von einer Situation im Kinderlager. Diese erschütterte uns, zeigte aber gleichzeitig eines unmissverständlich: Bist du für die SS-Besatzung nichts wert, dann folgt der Tod sofort. Eine Ökonomisierung menschlichen Lebens, das wurde klar, als eine im Lager gebärende Frau ihr Neugeborenes sofort weg genommen bekam. Es wurde in einem Wassereimer ertränkt. Nichts wert, man konnte damit nichts mehr verdienen. Nur Kosten wären damit verbunden gewesen.

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Zuvor hatte die SS alle Krematorien und unterirdischen Gaskammern gesprengt. Spuren verwischen – das war das Ziel in dieser Endphase. Todesmärsche von Inhaftierten in andere Lager. Auch Lidias Mutter wurde auf einen dieser Märsche geschickt. Die Kinder verblieben im Lager. Lidia Maksymovicz wurde danach von einer polnischen Familie aufgenommen. Bei dieser kam sie wieder zu Kräften und konnte somit die Schrecken von Auschwitz nach und nach hinter sich lassen. Trotzdem konnte sie sich an sehr wenig erinnern. Namen, Familie, Geburtstag – alles war wie ausradiert.

Als nach dem 2. Weltkrieg einige Auschwitzarchive von der Sowjetunion an die Gedenkstätte zurückgegeben wurden, bekam auch Lidia ein Dokument ausgehändigt. Es war ein Untersuchungsprotokoll von Dr. Josef Mengele. Darauf waren die Injektion und das Geburtsdatum von Häftling 70072 vermerkt. Somit gab diese Notiz aus dem Lager ein bisschen Identität zurück. Auch Lidias Mutter überlebte das Lager. Viele Jahre nach Kriegsende suchte sie nach ihr. Sie lebte in der Sowjetunion. Beide besuchten sich – fanden aber emotional nie wieder zueinander. Lidia sollte in die Sowjetunion gehen. Sie blieb aber bei ihren polnischen Eltern, die sie nach dem 27. Januar 1945 bei sich aufgenommen hatten.

Die Atmosphäre im Seminarraum des Hotels „Wyspianski“ ist kaum zu beschreiben. Einerseits haben wir noch viele Fragen, andererseits merkt jeder, dass diese 90 Minuten vollkommen ausgereicht haben. Keiner wollte durch unbedachte Fragen alte, längst überwundene Erinnerungen wachrufen. Ein Wunsch blieb allerdings. Die tätowierte Nummer am Unterarm. Einige Schüler fragten, ob Lidia ihnen die Nummer zeigen könnte. Sie schob den Ärmel Ihres Pullovers nach oben. Es wirkte wie eine Bestätigung dessen, was wir sahen und hörten. Lidia schämte sich in ihrer Jugend für diese Nummer – dachte sogar daran, diese entfernen zu lassen. Freunde rieten ihr davon ab – die Nummer ist Teil ihrer Identität. So eigenartig das klang, aber die Nummer ist das lebendige Zeichen dafür, dass sie Auschwitz überlebte. Sie beendete den Nachmittag mit einer klaren und unmissverständlichen Botschaft. Unsere Generation muss sich nicht mehr schuldig fühlen. Trotzdem müssen wir aber dafür sorgen, dass Lidias Gedanken und Erinnerungen nie verblassen. Wir sind dafür verantwortlich, dass sich dieses dunkle Kapitel der Geschichte nie wiederholt – egal ob in Deutschland oder in anderen Teilen der Welt.

Unsere Exkursionstage nach Oswiecim und Lidia Maksymovicz haben uns gelehrt, dass der Tod nicht das letzte Wort sein darf. Nur durch die intensive Auseinandersetzung können wir begreifen und gestalten.


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